Krise.

Im Rahmen unserer Krisenforschung konnten wir feststellen, dass es nicht möglich ist, von Mensch zu Mensch gleiche Regelhaftigkeiten bezüglich Auslösern, Intensitäten, Bewältigungsformen oder Auswirkungen von Individualkrisen zu formulieren. Ein theoretisch und empirisch eindeutiger Krisenbegriff ist zudem bis heute nicht verfügbar. ‚Krise’ erhält somit den Status eines subjektiven Ereignisses im Lebensvollzug einer Person mit je individueller Biografie. So einzigartig wie das individuelle Leben, so einzigartig sind auch die Lebensumbrüche, die Menschen erleben.


Konzeptionell verstehen wir in unserer Arbeit eine Krise als

  • einen belastenden, temporären, in seinem Verlauf und in seinen Folgen offenen Veränderungsprozess einer Person
  • der gekennzeichnet ist durch eine Unterbrechung der Kontinuität des Erlebens und Handelns,
  • durch eine partielle Desintegration der Handlungsorganisation,
  • durch eine Destabilisierung im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels
  • sowie durch ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern.

Im Krisencoaching zwingt die Vielfalt in den Ausprägungen einer Krise den Coach dazu, einen geschärften Blick dafür zu entwickeln und zu bewahren,

  • welche – auch scheinbar nichtigen – Anlässe einen verletzlichen Menschen völlig aus dem psychischen Gleichgewicht bringen können
  • inwieweit ein eingetretener Ausnahmezustand in der Lage ist, in eine überdauernde Störung mit Krankheitswert überzugehen oder – andersherum –
  • ob gegebenenfalls ein Krankheitsgeschehen den Ausnahmezustand bewirkt oder verschärft hat
  • wie der Klient das oder den ‚Schuldige[n]’ an der Verursachung seiner Krise identifiziert
  • wie er seine Krisenwelt sieht, was aus seiner Sicht böse, dumm oder falsch war
  • ob der Klient äußert, dass diese ‚Schuld‘ aus seiner Sicht zu ‚bestrafen’ sei
  • ob und wann – in diesem Kontext – der Klient erkennt, dass eine auf ein ‚wer’ gerichtete ‚Schuldigensuche’ problemverstärkend wirkt und es besser ist, danach zu fragen, ‚was’ zu verantworten ist
  • ob und wie der Klient einen Übertragungs-Gegenübertragungsprozess zwischen ihm und dem Coach initiiert
  • ob und wann der Klient offen dafür ist, Krise als eine spezifische Form des Feedbacks anzusehen, mit dem er wertvolle Informationen darüber erhält, dass bestimmte Annahmen und Ziele nicht mehr aufrechtzuerhalten sind
  • in welchem Maß der Klient im Krisengeschehen seine spezifischen Formen der Regression zeigt, die ihn hilflos, wütend etc. wirken lassen
  • inwieweit welche Interventionen zum jeweiligen Zeitpunkt der Zusammenarbeit wirkungsvoll eingesetzt werden können
  • wann und in welcher Form der Klient über das Menschenbild des Coachs und seinen psychologischen, pädagogischen und/oder philosophischen Hintergrund zu informieren ist
  • wie und mit welchen ‚Doppelter-Boden-Angeboten’ die Selbstverantwortlichkeit, Handlungsenergie und Veränderungsbereitschaft des Klienten bewahrt und gestützt wird, ohne dass es damit dem Klienten verunmöglicht wird, um allfällige Unterstützung nachzufragen, wenn eine unerwartete Überforderung eintritt
  • wann und in welchem Ausmaß der Klient die Hypothesen des Coachs und die darauf basierenden, eingeleiteten Interventionen vorgestellt bekommt
  • welcher Grad an ‚Kreativität’ in den geplanten Interventionen angemessen ist
  • wie Körper, Seele und Geist in den Interventionen in einer für den Klienten passenden Form angesprochen werden
  • in welcher Weise aus einem Gesamtkrisengeschehen einzelne Themen herausgelöst, ausgeblendet oder geparkt werden sollten, um ‚Dringend-Wichtiges’ zuerst einer Bearbeitung zuzuführen
  • wie der Klient die von ihm erarbeiteten Handlungen als vereinbar mit seinem Wertesystem, seinen Denkweisen, seinen Haltungen und Verhaltensmustern ansieht
  • worin eine emotionale Stabilisierung für die von ihm vollzogenen Veränderungen bestehen kann
  • in welcher Geschwindigkeit er zu neuen Lebenspostulaten und –zielen gelangen will
  • ob und wie er sich in seiner Krisenbewältigung an gesellschaftlichen Konventionen, Traditionen oder Umfelderwartungen [Stichwort: ‚Trauerjahr’] leiten lassen will
  • wann und wie der Klient sich über die Wirksamkeit seiner beabsichtigten Handlungen äußert
  • wie er über seine Hoffnungen spricht
  • welches ‚Wofür?’ er formuliert, um seiner Krise Herr zu werden
  • ob, wann und wie der Klient den Krisenbewältigungsprozess mit Facetten des Humors unterlegt
  • wie der Klient den Krisenbewältigungsprozess ‚komplettiert’, indem er etwas vor der Krise Gewesenes beibehält und damit anerkennt, ‚was war’.

In der von uns initiierten Ausbildung zum Krisencoach erfahren Fach- und Führungskräfte, die über grundlegendes Wissen aus dem Bereich Coaching verfügen und sich für diese Rolle qualifizieren wollen, wie Menschen sinnvoll in extremen Belastungssituationen begleitet werden können, wie sich die Rolle der Führungskraft mit diesem Wissen vereinen lässt und welche Grenzen des Krisencoachings zu beachten sind.